Hoch verarbeitete Lebensmittel (HVL)

Oder: Ein Plädoyer für echtes Essen.

Wenn Sie an "gesunde Lebensmittel" denken, fallen Ihnen vermutliche Beschreibungen wie "viel Gemüse", oder "ballaststoffreich" ein (möglicherweise auch "low fat" oder "zuckerreduziert"), bei "ungesund" denken Sie vielleicht an "viel Fett", "cholesterinreich", "zu viel Salz" oder "viel Zucker". Damit sind Sie in guter Gesellschaft, denn dass die Menschheit seit gut einem halben Jahrhundert immer häufiger mit Übergewicht und damit verbundenen "Zivilisationskrankheiten" zu kämpfen hat, wird allgemein damit in Verbindung gebracht, dass zu wenig "gesundes Pflanzliches", und zu viel Zucker, (falsche) Fette und Salz konsumiert werden.

Dagegen will ich absolut nichts sagen, aber es gibt noch einen anderen Ansatz, der sich nicht auf die Lebensmittel an sich oder ihren jeweiligen Nährstoffgehalt bezieht, sondern darauf, wie hoch diese Lebensmittel verarbeitet sind.

Einer der ersten, der in dieser Richtung forschte, war Carlos Monteiro, brasilianischer Ernährungswissenschaftler und Arzt Jahrgang 1948. Er und sein Team hatten sich darüber gewundert, warum in Brasilien immer mehr Menschen unter Adipositas litten, obwohl die Verkaufszahlen der Lebensmittel, die für eine gesunde Ernährung empfohlen wurden (eher Kohlenhydrate wie Getreide, Brot, Nudeln …) stiegen, der Konsum als eher ungesund angesehener Lebensmittel (Zucker und Öl) aber sank? Und, warum Übergewicht die ärmeren Schichten stärker betrifft als die reichen? Wenn die Menschen doch so aßen, wie es ihnen empfohlen wurde, dabei aber trotzdem übergewichtig und krank wurden, welches Essen war denn dann eigentlich ungesund?

Er wollte deshalb genau wissen, was die Menschen aßen und wertete dafür ihre Einkaufszettel aus. Das führte ihn in eine ganz andere Richtung und bestätigt das, was viele Menschen intuitiv meinen, aber "nur" mit Bauchgefühl erklären können: Die Leute, die als gesund eingestufte Lebensmittel kauften, kauften oft auch als ungesund bewertete Lebensmittel wie Fett und Zucker. Dass diese Menschen trotzdem gesünder waren, so Monteiros Fazit, liege darin, dass mit diesen "schlechten Zutaten" traditionell gekocht und keine industriell hergestellte Nahrung konsumiert wird.

Er und sein Team stellten über Jahre Forschungsarbeit heraus, dass der Konsum hoch verarbeiteter Lebensmittel in klarem Zusammenhang mit Übergewicht und Adipositas steht. Sie entwarfen daraufhin eine neue Art Beurteilungssystem für Lebensmittel, die nicht wie bislang üblich auf der Art des Lebensmittels (Obst/Gemüse/Getreide etc.) oder auf ihrem Nährstoffgehalt basiert, sondern einzig auf ihrem Verarbeitungsgrad.

Das System heißt NOVA und teilt Lebensmittel in 4 Kategorien ein: Stufe 1 nicht/wenig verarbeitet (Gemüse, Obst, Mehl), Stufe 2 verarbeitete haushaltsübliche Zutaten (Öl, Zucker), Stufe 3 verarbeitete Lebensmittel (das, was aus Produkten der Stufen 1 und 2 zubereitet wird). Das ist das, was Menschen essen, seit sie angefangen haben zu kochen (sofern sie nicht durch Kriege, Missernten etc. daran gehindert wurden), und an was sie gewohnt sind.

Neu war Kategorie 4 der stark verarbeiteten Lebensmittel. Die umfasst grob formuliert alles, was Sie nicht selbst in Ihrer normalen Küche abbilden können, weil Sie eben eine Küche und weder ein Labor noch einen Industriebetrieb haben, weil Sie (vermutlich) keine Ausbildung zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik oder ein Studium der Lebensmittelchemie absolviert haben, weil Sie zu Hause keine industriellen Verfahren, Maschinen und Technologien einsetzen (können), und Sie Ihre Zutaten im Supermarkt und nicht im Fachhandel für Nahrungsmittelproduktion kaufen.

Hier ein Beispiel, wenn Sie sich fragen, was damit überhaupt gemeint ist: "Modifizierte Stärke". Hört sich eigentlich ganz harmlos an, weil Stärke ein ganz normaler Bestandteil von Pflanzen ist, den auch Sie sich in der Alltagsküche zunutze machen: Sie dicken damit Saucen an, kochen sich einen Pudding. "Modifiziert" klingt jetzt eigentlich auch nicht sooo übel … verändert halt …

Wenn Stärke allerdings durch verschiedenste industrielle Verfahren (etwa durch physikalische oder chemische Verfahren, oder durch den Einsatz von Enzymen) zu modifizierter Stärke umgebaut wird, wird sie zunächst in kleinste chemische Bestandteile, teilweise auf Molekularebene, aufgebrochen, und anschließend so wieder aufgebaut, dass sie – im Gegensatz zu handelsüblicher Stärke – etwa kälte-, hitze- oder säurestabil ist, und gut eingefroren und wieder aufgetaut werden kann. Anschließend kann sie für alles Mögliche – also nicht mehr nur zum Pudding kochen – eingesetzt werden. Sie finden sie dann oft in Instant-Desserts, die dann cremiger schmecken, oder in einer tiefgefrorenen Sahnetorte, wo sie dafür sorgt, dass Ihr Stück Torte nach dem Auftauen nicht sofort matschig wird.

Konkret eröffnen sich damit (u.a.) Möglichkeiten, relativ teure, schnell verderbliche, natürliche (tierische) Produkte durch billige, (pflanzliche) Substanzen zu ersetzen, die durch den Einsatz industrieller Verfahren flexibel einsetzbar, gut transportabel und lange haltbar gemacht werden.

Ein traditionelles Produkt kann etwa mit wenigen Zutaten auskommen: Denken Sie an das phantastische italienische Eis aus dem Familiencafé um die Ecke. Da wird außer Eigelb, Zucker, Vanille, Vollmilch und Sahne nicht viel drin sein. Das ist nicht nur frisch am besten, sondern – auch nicht lange frisch. Wenn Sie auf die an sich schon beleidigende Idee kommen, so ein Eis mit dem Discounter-Eis MHD in eineinhalb Jahren zu vergleichen, werden Sie auf der Zutatenliste nicht nur deutlich mehr Inhaltsstoffe finden, sondern davon auch viele, die Sie vermutlich nicht im Schrank stehen haben. Dieses deutlich kostengünstigere Eis hält bei Verwendung qualitativ minderwertigerer, industriell hergestellter und billigerer Zutaten vergleichsweise ewig.

Modifizierte Stärke ist natürlich nur ein Beispiel – je nachdem was für ein Produkt Sie kaufen, werden da sehr viele Zutaten auf der Packung stehen, von denen Sie, wenn Sie kein chemisches Grundwissen haben und ehrlich sind, gar nicht mehr wissen, was Sie da genau essen. Ich habe mir mal den Spaß gemacht, im Supermarkt ein paar Zutatenlisten zu fotografieren und wir haben zu Hause damit "erkenne das Produkt" gespielt. Wollen Sie auch mal raten?

Produkt 1: Trinkwasser, Palmöl, Eigelb, modifizierte Stärke, Magermilchpulver, Zucker, Zitronensaftkonzentrat, Salz, Xanthan, Guarkernmehl, Johannisbrotkernmehl, Milchsäure, Speisesalz, Aromen, Hefeextrakt.

Produkt 2: Trinkwasser, Zwiebeln, Sojaprotein, Rapsöl, Aroma, Stärke, Citrusfasern, Bambusfasern, Sonnenblumenprotein, Gewürze, Kochsalz, Branntweinessig, Karamell, Traubenzucker, Methylcellulose, Euchema-Algen.

Produkt 3: Wasser, Kokosnussöl, Mandelprotein, Haferkleie, Speisesalz, Johannisbrotkernmehl, vegane Kultur.

Produkt 4: Weizenmehl, Palmfett, Rapsöl, Wasser, Mono- und Diglyceride von Speisefettsäuren, Salz, Citronensäure, Dextrose, Weizengluten, Kaliumcarbonat, Glucono-delta-Lacton, Diphosphate, Ethylalkohol, Zucker, Salz, Xanthan, Guarkernmehl, Ascorbinsäure, Cariton.

Produkt 5: Stärke, Citronensäure, natürliches Aroma, Zitronenfruchtpulver, Maltodextrin, Kurkumin.

Und? Auch nichts erkannt, oder nur vage Ideen? Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich find's schon ein bisschen unheimlich, wenn hier verschiedene Zutaten, von denen ich bei den meisten nicht wirklich weiß, was sie sind, geschweige denn, welche Funktion sie in einem Essen haben und warum die überhaupt da drin sind (denn ich koche ohne … Methylcellulose, und habe sie auch noch nie vermisst), zu etwas zusammengerührt werden, was dann so tut, als sei es Nahrung.

Warum also?

Eigentlich beantwortet sich die Frage, warum solche Inhaltsstoffe verwendet werden, einigermaßen von alleine.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich bin wahrlich keine Kapitalismusgegnerin, aber all dieses Zeugs wird verwendet, um Produkte billiger, länger haltbar und besser transportabel zu machen. Je besser ein Produkt beworben werden kann, je schmackhafter, einfacher und "more convenient" es in der Zubereitung ist, desto eher wird es gekauft werden. Unternehmen sind nicht per Definition "böse", wenn sie solche Produkte produzieren und verkaufen – aber sie bestehen auf dem Markt nunmal nicht, weil sie der Menschheit etwas Gutes tun wollen, sondern weil sie Gewinn machen. Wenn sie Ihnen 5 Jahre lang Süßigkeiten zum Dickwerden und ab dann 20 Jahre Diätprodukte zum Abnehmen verkaufen können, sind sie damit fein, denn Sie sind dann 25 Jahre lang Kund:in. Und wenn ein Unternehmen – sagen wir ein multinationaler, börsennotierter Ernährungskonzern, der einmal im Quartal seine Zahlen vor ebenso internationalen, börsennotierten Vermögensverwaltern verteidigen muss – dadurch seinen Gewinn steigern kann, dass es in seinen Produkten teure, qualitativ hochwertige Zutaten durch zwar minderwertigere, aber eben deutlich günstigere Inhaltsstoffe ersetzt, dann sollten Sie davon ausgehen, dass genau das passieren wird. Und zwar genau so lange, bis es schlechte Presse gibt.

Vergessen Sie bitte nie, dass hier big food auf big money trifft, es um richtig Geld geht, Sie (sofern Sie sich nicht auf Aktionärsseite schlagen) der- oder diejenige sind, die auf der "Einzahlerseite" stehen, und dass es den vielen multinationalen Konzernen, deren Produkte Sie im Supermarkt wiederfinden, einigermaßen egal ist, was ihre Produkte in Ihrem Körper (aber auch in der Umwelt, das nur am Rande) so alles anrichten – Hauptsache, Sie kaufen sie. Möglichst viel, möglichst regelmäßig, und möglichst ein Leben lang.

Und das tun Sie; und zwar umso mehr, je praktischer Sie's im Leben gerne haben, und je weniger Zeit und Geld Ihnen zur Verfügung steht: HVL sind einfach so unfassbar convenient, haltbar und bequem. Das Zeug ist so clever beworben, dass normale Lebensmittel dagegen fast schon chancenlos langweilig sind. Das Zeug ist im Vergleich zu echter Nahrung konkurrenzlos billig; inzwischen oft genug billiger als echte Lebensmittel. Das ist besonders ein Problem für Bevölkerungsgruppen, die ohnehin jeden Cent umdrehen müssen, und deshalb trifft beispielsweise Adipositas eher ärmere als reichere Bevölkerungsschichten.

Nur: HVL sind zwar essbar, aber nach vielfältigen industriellen Verarbeitungsschritten, Modifikationen, "Neukonstruktionen" etc. wenn man ehrlich ist und sich der Meinung des brasilianischen Forscherteams anschließt eigentlich keine Lebensmittel mehr.

Wenn Sie sich jetzt fragen – na, und? Ist das denn so schlimm? Irgendwelche Zusatzstoffe sind doch quasi überall drin, und werden in Mengen verkauft und gegessen …?

Ich finde, es klingt zumindest schonmal nicht gut. Wobei ja noch dazu kommt, dass man bei Zusatzstoffen wohl immer im Plural reden muss, denn man nimmt mit einem Fertiggericht eigentlich immer viele verschiedene und jeweils andere Zusatzstoffe zu sich.

Ein gut und unmittelbar nachvollziehbares Beispiel sind künstliche Aromen. Wir Menschen können riechen, damit wir für uns feindliche Stoffe meiden, und für uns gute zum Essen auswählen können. Wenn wir etwas Gutes riechen, auswählen und in den Mund stecken, ist das schon der erste Schritt der Verdauung, weil das Gehirn die über die Nase empfangenen Aromen in Sekundenbruchteilen klassifiziert und dementsprechend Anweisungen verteilt, wie unser Verdauungssystem mit der über die Nase angekündigten Nahrung umgehen soll. Auch das ist ein minutiös ausbalanciertes System, und es wird massiv aus dem Tritt gebracht, wenn es mit falschen Signalen arbeiten muss: Wenn Sie die Packung eines Fertiggerichtes öffnen und es riecht wie Rouladen von Tante Ulla und Ihr Verdauungssystem sich (während Sie noch breit grinsen) komplett auf lange geschmortes Rindfleisch mit Zwiebelchen und Gürkchen und Senf in (für Insider: der richtigen) "lecker Sauce" einstellt, dann aber mit einer Vielzahl künstlicher Substanzen aus dem Labor fertig werden muss, die absolut nichts mit diesem Gericht zu tun haben, ist es eigentlich nicht weiter erstaunlich, wenn Sie erst einmal Sodbrennen bekommen.

Und wenn es nicht beim Sodbrennen bleibt?

Zusatzstoffe werden vor Zulassung auf gesundheitliche Unbedenklichkeit getestet, aber nur individuell, jeder für sich. D.h., was in Ihrem Körper (erst recht langfristig) passiert, wenn viele verschiedene Zusatzstoffe miteinander, durcheinander, und dann möglicherweise gegeneinander wirken, wird bei der Zulassung bislang noch gar nicht berücksichtigt. Ich bin Laie, aber bei allem Glauben an die Wissenschaft kommt der Job, bei dieser Vielzahl von Zusatzstoffen diverse mögliche zukünftige Wechselwirkungen und mögliche gesundheitliche Folgen zu beurteilen, meiner Vorstellung eines Fasses ohne Boden einigermaßen nah. Nicht, dass die Forschung den Ball nicht aufgenommen hätte: Mögliche Zusammenhänge zwischen dem Konsum von Lebensmittelzusatzstoffen und etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas und Krebs, und auch mögliche negative Auswirkungen auf den Verdauungsapparat sind da durchaus auf der Agenda.

Ich bin gespannt, was zukünftige Forschungen ergeben, auch zu ein paar weiteren Aspekten, die gar nicht direkt mit Ernährung an sich zu tun haben: Auch in Richtung Verpackungsmüll/Umwelt/CO2-Fußabdruck wäre noch die eine oder andere Antwort ganz nett. Erst recht interessant finde ich auch die Frage, warum die meisten Menschen es nicht schaffen, eine Chipstüte nur halb leer zu essen. Der eine oder andere wird tatsächlich so unbeherrscht sein, aber mir fällt es schwer zu glauben, dass es derart normal ist und es keine Gründe dafür geben soll, dass reihenweise Menschen, die im normalen Alltag durchaus über Limits verfügen und zu allem möglichen nein sagen können, nicht in der Lage sind, bei HVL-Produkten aufzuhören zu essen, wenn sie satt sind oder das wollen, sondern erst, wenn die Packung leer ist. Das hat manchmal schon was von Abhängigkeitsverhalten … passen Sie auf sich auf …

Das heißt, egal, wie laut und bunt die Verpackung so manchen Convenience Foods Ihnen (oder noch schlimmer, Ihren Kindern) zuschreit, dass das Produkt gesund und toll, und gut für Sie ist – was die darin enthaltenen Zusatzstoffe genau für Auswirkungen auf Sie als Biomasse Mensch haben, und ob sie wirklich so harmlos sind wie sie tun, ist noch lange nicht klar.

Jetzt die Frage, die jede und jeder für sich selbst beantworten muss: Brauchen Sie für sich

A) wissenschaftlich exakt basierte Gewissheit?

Oder reicht es Ihnen,

B), dass es sich spooky anfühlt, wenn Sie gar nicht mehr genau wissen, was Sie essen, und z.B. Xanthan in Fertigsaucen, Aufbackbrötchen – und Ihrer Nachtcreme finden? (Xanthan ist ein von Bakterien aus Zucker produziertes (u.a.) Verdickungsmittel, das auch in Bio-Produkten zugelassen ist und den Ruf hat, harmlos zu sein. Die Sauce macht es zähflüssiger, beim Brötchen verhindert es, dass es schnell oll schmeckt – soweit ok, aber man kann es eben auch gut für Schampoo, Sprengstoff und Bohrschlämme brauchen. Muss das dann echt ins Essen???)

Oder, dass Schüler vor einem Gap Year in den USA schon vorher gewarnt werden, dass sie +/- 5 kg zunehmen werden, weil es da "nur Scheiß zu essen gibt"? (O-Ton, das habe ich nicht erfunden). Im Gegensatz dazu, dass bei es früher bei Oma Traditionelles, Selbstgekochtes und auch mal Streuselkuchen "mit guter Butter" gab, von dem gerne mal gut zugelangt wurde, ohne dass die alle großartig Gewichtsprobleme gehabt hätten? Obwohl in der Generation auch nicht wirklich alle körperlich fordernde Jobs hatten und "Sport" oft nur bedeutete, samstags mit Bierchen in der Hand Bundesliga zu gucken? Und sicherlich haben heute auch deshalb mehr Menschen Ü80 gesundheitliche Probleme, weil es insgesamt mehr Menschen Ü80 gibt, aber – knapp 10 % übergewichtige Kinder, knapp 6 % adipös?

Nicht, dass ich hier falsch rüberkomme: Wir leben in einem freien Land, und was Sie essen, ist alleine Ihre Sache. Nur, weil HVL zu meinem Endgegner geworden sind, müssen die keinesfalls auch zu Ihrem werden, und ich will Ihnen auch nicht den Spaß an Ihrem Schokoriegel verderben.

Aber wenn Ihnen der Ausgangspunkt von Sr. Monteiro auch so intuitiv logisch vorkommt wie mir und Sie vielleicht auch versuchen wollen, HVL wo möglich zu meiden, hier noch ein paar Anregungen, die Sie vielleicht bestärken, Ihnen beim Einkauf und dabei helfen, HVL zu erkennen.

HVL enthalten oft viel Fett, viel Zucker, zu viel Salz und wenig Ballaststoffe, werden oft umfänglich beworben und aufwändig verpackt. Dass man zu viel von ihnen isst, gehört zum Konzept und ist gewollt, weil es den Umsatz erhöht. Wenn Sie das jetzt für übertrieben halten, denken Sie an die letzte Tüte Chips, die Sie komplett geext haben, oder vergleichen Sie im Kopf mal, wie lange Sie auf einem Stück Vollkornbrot vom Bäcker rumkauen, und wie schnell Sie dagegen ein Burgerbrötchen aus der Tüte unten haben. Von denen würden Sie ohnehin schon deshalb mehr essen als vom Vollkornbrot, weil sie weniger Nährstoffe enthalten und Ihr Körper von alleine erst aufhören will zu essen, wenn er alle von ihm benötigten Nährstoffe bekommen hat.

Also isst er nach dem ersten Burgerbrötchen weiter, und das geht mit denen auch deshalb super, weil die natürliche Struktur des Ursprungsmaterials (= Weizen) durch verschiedenste industrielle Verfahren so zerstört ist (im Gegensatz zum Vollkornbrot, da wurde das Korn (oft nicht nur Weizen) einfach nur gemahlen), dass sie ziemlich weich sind. HVL sind oft weich, weil Sie dann weniger kauen, eher schlucken und insgesamt schneller essen. Mit Vollkornbrot wären Sie so lange beschäftigt gewesen, dass Ihr Magen nach einer deutlich kleineren Menge "satt" gemeldete hätte, aber von dem weichen Zeug gehen einfach mehr Kalorien auf einmal runter. Was auch einen guten Hinweis darauf gibt, warum man davon schneller dick wird.

Nicht zu vergessen: Wer nicht kaut, riskiert, später nicht mehr richtig kauen zu können, und je jünger der betreffende Mensch ist, desto übler kann das sein. Fragen Sie Ihre Zahnärztin oder Ihren Zahnarzt, und wenn sie oder er Ihnen bestätigt, dass (abgesehen von einem erhöhten Karies-Risiko) bei kleinen Kindern der Kiefer möglicherweise nicht mehr ausreichend wächst um später alle Zähne beherbergen zu können, weil sie Brei, Quetschies und Toast ohne Rand bekommen und kaum gekaut haben, wäre mittelfristig "hartes Brot" vielleicht gar nicht so übel wie es klingt.

Ein weiterer Aspekt: Wenn Sie selbst kochen, wissen Sie ja, wie lästig das alles sein kann. Sie müssen planen, einkaufen, schnibbeln, kochen, hinterher saubermachen und spülen. Alles nur, damit Sie 10 Minuten am Tisch sitzen und was essen. Heißt aber auch – Sie machen das vermutlich nicht eine halbe Stunde nachdem Sie was gegessen und aufgeräumt haben alles nochmal. Das dürfte Ihnen einfach zu aufwändig sein. Mit HVL geht das problemlos. Noch einen kleinen Fertigpudding obendrauf, einen Latte aus der Tüte ein Stündchen später, noch ne Kleinigkeit direkt aus der Gefriere in den Backofen, ein Glas Multivitaminsaft, ein Schokoriegel … In der Frequenz und Menge schaffen Sie das rein zeitlich nicht, wenn Sie jedes dieser Gerichte bzw. Produkte komplett selbst aus echten Zutaten zubereiten würden. Dann geht mal noch ein Apfel, vielleicht auch noch ein Stück von dem Kuchen, der vom Wochenende noch da ist, aber an die Kaloriendichte von HVL kommen Sie damit beim besten Willen nicht ran. Also, viel von dem, was keine Arbeit macht, und viel "Snack-Kram" ist ein HVL.

OK. Soweit die Theorie, in den Alltag damit.

Es gibt Klassifizierungssysteme, viel geholfen haben sie mir ehrlich gesagt nicht.

Die NOVA-Klassifizierung habe ich weiter oben kurz beschrieben. Den Ansatz finde ich prima, weil er mir den wissenschaftlichen Überbau für mein "da ist mir zu viel Chemie drin, das will ich nicht essen"-Bauchgefühl gibt. Nur ist er leider nicht durchgängig praktisch, wenn man im Supermarkt steht: Nudeln können sowohl in Kategorie 1 sein (wenn sie nur aus Wasser, Mehl und Salz bestehen), als auch in Kategorie 4 (wenn es sich um ein knallbunt verpacktes, konserviertes Instantprodukt handelt, das nur noch kurz aufgewärmt werden muss). Ist problemlos nachvollziehbar, aber wenn ich ohnehin auf die Zutatenliste gucken muss, bringt mich das in dem Moment nicht weiter.

Dann gibt es den Nutriscore, den kennen Sie vermutlich aus dem Supermarkt. Der gibt Auskunft über die Nährwertqualität – und wenn Sie primär daran interessiert sind, liefert er Ihnen natürlich genau die Informationen, die Sie brauchen. Darüber, ob das Produkt gesund oder ungesund ist und wie hoch es verarbeitet ist, sagt er aber nichts: Gesetzt den Fall, Ihr Frühstück ist genau das, was Ihnen in der Ernährungsberatung empfohlen wurde – etwa Magerquark mit Walnüssen, Beeren und einem Löffel Leinöl. Je nachdem welches Öl Sie verwenden, befindet sich das aufgrund seines hohen Fettgehaltes von 93 % in Kategorie D oder sogar richtig mies in E – nun ja, bei einem Öl jetzt keine Riesenüberraschung; Sie hatten vermutlich auch nicht vor, die Flasche leer zu trinken. Der Energydrink, den Ihr grindender Teenager in den Einkaufswagen stellt, weil er nicht verhandelbar morgens um 02:00 zum Upleveln verabredet ist, kommt dagegen mit B und "guter Nährwertqualität" weg. (Kein Witz, meine app zeigt das genau so an; Wasser, Zucker, Salz + 19 x was aus dem Chemiebaukasten – RESPEKT!). Mein Beileid an alle Eltern, die dann im Supermarkt stehen und auf dieser Basis eine Diskussion über gesunde Ernährung führen müssen. Kurz: Besonders glücklich bin ich mit dem Nutriscore, was meine persönliche Lebensmittelauswahl angeht, auch nicht.

Ich habe probiert, HVL komplett aus meiner Küche raus zu kriegen. Es ist möglich, aber unfassbar aufwändig, und wenn man wirklich ohne jede Ausnahme auf 0 gehen will, wird es echt anstrengend. Bei aller Abneigung gegen HVL wähle ich daher, jenseits der gängigen Klassifizierungssysteme, einen zugegebenermaßen unwissenschaftlichen und platten, dafür aber alltagstauglichen Ansatz: Wenn ich verarbeitete Produkte kaufe, gucke ich auf die Zutatenliste (wenn Sie das interessiert – es gibt auch hierfür gute, werbefreie apps), und stelle mir die simple Frage "habe ich das alles in meiner Küche?". Wenn die Antwort "ja" ist, ist alles in Ordnung; bei "nein" lasse ich wenn es geht die Finger davon und suche Alternativen, denn … Mono- und Diglyceride, Lecithine, Calciumdiglutamat, Carrageen … habe ich definitiv nicht im Schrank.

Mit dieser einfachen Frage kriegt man schon viel Chemie aus der Küche – selbst, wenn man hin und wieder den einen oder anderen Kompromiss schließt. Und mit dem, was man dann im Einkaufswagen hat, kann man viel echtes, leckeres Essen kochen.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen guten Appetit.

Ach so, ich bin Ihnen noch die Rätsel-Auflösung schuldig:

Produkt 1: Fertig-Sauce Hollandaise light aus dem Tetrapack
Produkt 2: Vegane Frikadellen aus der Convenience-Abteilung
Produkt 3: Veganer Frischkäse
Produkt 4: Aufback-Brötchen aus der Dose
Produkt 5: Pulver zum Anrühren eines Nachtischs